Eugenia Gortchakova

 

Zeitlichkeit – Sinn des Seins
2003
Acryl / Leinwand
200 x 100
Zeitstrukturen

»Eugenia Gortchakova überträgt die Bewegung von Zeit auf die Fläche ihrer Bilder, nennt ihre Strahlen- oder Streifenbilder auch «Zeitstrukturen», die Kreise für zyklische Wiederkehr und Linien für Unendlichkeit kombinieren. Diese Bilder erscheinen zunächst geradezu mathematisch abstrakt und regelhaft, beherrscht von der überindividuellen Gesetzmäßigkeit dieser Strukturen, aber sie bilden auch ganz konkret die Spuren der Arbeitszeit, in der die Künstlerin sie malt. Sie sind also auch eine sehr individuelle Maßeinheit ihrer individuellen Lebenszeit. Strich für Strich, Sekunde für Sekunde, Minuten, Stunden, Tage schreibt sie sich ein in die Strukturen. Sie entwirft sie, indem sie ihnen folgt, sie eignet sie sich an, indem sie sich ihnen unterwirft Das erzeugt die beunruhigende Spannung der Bilder, der sich die Betrachtenden ausgesetzt sehen: die fast abweisende Ferne einer Konstruktion, die alle Elemente auf eine Mitte hin ordnet oder als Parallelen, und die Nähe des Produktionsprozesses selbst, der sichtbar wird in kleinen Veränderungen von Farbigkeit und Dichte dieser Elemente. Die Beschränkung auf die selbstgewählte Vorgabe solcher Zeitstrukturen schließt Möglichkeiten aus und eröffnet doch Spielräume neuer Möglichkeiten. Gortchakova entwirft mit ihren Bildern ihren eigenen Ort im Rahmen einer Tradition, auch einer kunsttheoretisch-programmatischen Avantgarde und sie führt sie damit fort, aber sie verändert sie, macht sie zu ihrem je eigenen Lebenszeitprojekt. Beunruhigend sind diese Bilder auch, weil sie wie jede regelhafte Ordnung, deren Gegensatz implizieren, eine Unordnung, ein Chaos, gegen das sie entworfen werden – ebenfalls programmatisch taucht das Wort «Disziplin" auf.

Sabine Offe